In den meisten Gesellschaften wird in vielerlei Hinsicht zwischen privatem und öffentlichem Raum unterschieden. Für beide Bereiche gelten bestimmte, voneinander abweichende Regeln. Die meisten Muslime folgen dieser Unterscheidung, auch wenn sie religiös nur bedingt begründbar ist. Weder im Koran noch in den Überlieferungen des Propheten Muhammad wird eine solche Trennung explizit erwähnt.

Verhalten im öffentlichen Raum

Privat und Öffentlich

Das „Private“ wird oft verstanden als etwas Persönliches, Individuelles, etwas, das man verborgen und geschützt halten will, und über das jedes Individuum alleinige Kontrolle hat. Das „Öffentliche“, hingegen, wird von allen besessen und beeinflusst. Hier gibt es keine Geheimhaltung. Häufig bestehen ungeschriebene (und geschriebene) Gesetze, dass das „Private“ unantastbar ist und sich die „Öffentlichkeit“ darin nicht einmischen darf. Diese Unantastbarkeit der Privatsphäre wird von der islamischen Rechtsprechung anerkannt, angefangen von der Betonung des Rechts auf Privatsphäre für den Propheten Muhammad in Sure 33:53: „Ihr Gläubigen! Betretet nicht die Häuser des Propheten, ohne dass man euch (wenn ihr) zu einem Essen (eingeladen seid) Erlaubnis erteilt (einzutreten) […] Und wenn ihr sie (die Gattinnen des Propheten) um (irgend) etwas bittet, das ihr benötigt, dann tut das hinter einem Vorhang! […]“.

Im religiösen Sinne sollte sich natürlich das Verhalten der Gläubigen sowohl in der Privat- als auch in der öffentlichen Sphäre nicht unterscheiden. Muslime sind angehalten, sich in beiden Bereichen „fromm“ zu verhalten und als Gläubige erkennbar zu sein. Während nicht-Gläubige vielleicht die Unantastbarkeit des privaten Raumes für Zwecke ausnutzen, die dem Gemeinwohl entgegenwirken, so sollten sich Gläubige der Tatsache bewusst sein, dass für Gott nichts unantastbar ist. In einigen muslimisch geprägten Ländern bleibt jedoch der Privatbereich tatsächlich auch juristisch unantastbar, so dass beispielsweise häusliche Gewalt nicht als ungesetzlich gesehen wird. Religiöse Normen fordern jedoch eigentlich „makelloses“ Verhalten sowohl im private als auch im öffentliche Bereich.

Geschlecht

Wo die meisten Gesellschaften einen oft expliziten Unterschied zwischen privatem und öffentlichem Raum machen, ist in der Frage der Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen. Die meisten Kulturen schreiben den privaten Bereich den Frauen zu, während der öffentliche Bereich für Männer reserviert ist. In den meisten muslimisch geprägten Gesellschaften ist diese Rollenverteilung ähnlich, obwohl es auch hier keine eindeutigen Anweisungen im Koran oder den Überlieferungen des Propheten Muhammad gibt. Eine weit verbreitete Auffassung ist, dass Frauen ihren Tätigkeitsbereich auf die Privatsphäre, d.h. Familie und Haushalt, beschränken sollen. Im öffentlichen Bereich, d.h. in Politik und Wirtschaft, haben sie sich rauszuhalten oder wenigstens zurückzuhalten.

Im Laufe der Geschichte und in verschiedenen Kulturen haben Frauen immer wieder prominente Positionen im öffentlichen Bereich eingenommen, allen voran – im islamischen Kontext – Muhammads erste Frau Khadija, die eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau war. Vor allem in den vergangenen Jahrzehnten sind Frauen immer stärker in der öffentlichen Sphäre vertreten. Für diese Frauen gelten jedoch meist strenge Regeln, wie sie sich im öffentlichen Raum bewegen können. Diese Regeln sind meist strenger als für Männer und betreffen oft die Kleiderordnung sowie das Verhalten.

In vielen muslimisch geprägten Gesellschaften ist eine Trennung der Geschlechter nicht nur nach öffentlichen und privaten Raum gang und gäbe, sondern auch innerhalb dieser Bereiche. Die zunehmende Präsenz von Frauen in der öffentlichen Sphäre bedeutet also, dass deren Verhalten oft besonders überwacht wird, um die Gefahren der Geschlechtervermischung zu umgehen. Dazu gehört, dass Männer und Frauen sich beispielsweise nicht in die Augen schauen, Berührungen vermieden werden, die Stimmen von Frauen nur gedämpft hörbar sein, ihre Körperkonturen bedeckt sein und sie sich generell „züchtig“ verhalten sollen.

Nach islamischen Quellen gilt die Vorschrift der „Züchtigkeit“ sowohl für Männer als auch für Frauen. Der Prophet Muhammad wird dabei oft als leuchtendes Vorbild herangezogen. Auch er soll beispielsweise nie seine Stimme erhoben haben und mit weicher Stimme gesprochen haben. Von ihm ist überliefert, dass diejenigen „mit dem besten Benehmen“ die besten Gläubigen seien (überliefert nach Bukhari und Muslim).

Weiterführende Literatur:

Könemann, Judith und Saskia Wendel. 2016. Religion, Öffentlichkeit, Moderne. Transdisziplinäre Perspektiven. Bielefeld: Transcript.

Göle, Nilüfer und Ludwig Ammann (Hrsg.). 2004. Islam in Sicht. Der Auftritt von Muslimen im öffentlichen Raum. Bielefeld: Transcript.

Zurück