Die Organspende wird aktuell nicht nur im Islam thematisiert, sie stellt auch einen wichtigen Teil des gegenwärtigen öffentlichen Diskurses dar. Wenn man sich mit der Frage nach der Organspende und Organtransplantation aus der Sicht des Islam befasst, so ist zunächst eine Klärung grundlegender Aspekte wie das Verständnis bzw. die Definition von Mensch, Leben und Tod im Islam unabdingbar. Die Bestimmung dieser Aspekte bildet die Basis und zugleich den Ausgangspunkt der Frage nach der Organspende im Islam.

Organspende und Organtransplantation

Leben

Der Tod gleicht einem Übergang zwischen zwei Leben: das Leben, das Verantwortlichkeit ausübt, und das, welches versucht Ergebnisse dieser Verantwortlichkeit zu erlangen. Im Koran (Sure 38: 72) wird der Mensch zunächst rein sinnbildlich als eine Verbindung aus einem Klumpen Lehm und dem Hauch vom Geist Gottes beschrieben. Betont werden sollte zudem, dass aus islamischer Sicht der Mensch keine isolierte Materie oder keinen isolierten Geist darstellt. Der Koran vermittelt das Bild einer menschlichen Person - der nafs - als Kontinuum von Geist und Materie und lehnt die Zweiteilung der menschlichen Persönlichkeit ab (deutlich wird dies durch Verwendung des Wortes nafs in Sure 21, 35).

Der Körper-Geist-Dualismus, der erst lange Zeit später durch islamische Gelehrte aufgegriffen wurde und den Islam zunehmend beeinflusste, wird aus diesem Grund ursprünglich abgelehnt. Tatsache ist, dass keine Todesdefinition in der islamischen Rechtsgelehrsamkeit als tragfähig akzeptiert werden kann, wenn sie eine lebende Person nicht so auffasst wie der Koran sie sieht.

Tod

In Europa gilt aktuell der Hirntod als Kriterium für eine legale Organentnahme. Dieser wird definiert als Ausfall von Telencephalon (Großhirn), Cerebellum (Kleinhirn) und Truncus cerebri (Hirnstamm). Der Hirntod ist oft die Folge eines Hirnstamminfarkts oder eines Schädelhirntraumas. Betroffene Bereiche des Nervensystems sind hierbei der Kortex (Hirnrinde) und die oben bereits erwähnten Hirnregionen.

Die Internationale Islamische Fiqh-Akademie akzeptiert den Hirntod als eine Todesdefinition, die den islamischen Kriterien entspricht. Sobald sich ein Patient im vegetativen Zustand befindet, müssen ethische Überlegungen gemacht werden. Meist beruhen diese im Islam hauptsächlich auf den folgenden zwei Aspekten: der Wert des Lebens des Patienten und die maslaha, das Allgemeinwohl. Die Sichtweise der Erlaubnis zieht das öffentliche Interesse, das Allgemeinwohl, das Verständnis von einer grundsätzlichen Erlaubnis beim Fehlen eines Verbots und beispielsweise die Verse 173, Sure 2 und 32, Sure 5 heran. Grundsätzlich erfüllt sich das Menschsein einer Person aus koranischer Sicht, indem sie das Menschsein des anderen Menschen schützt und hütet (Sure 5: 32).

Unantastbarkeit des Körpers

Hingegen kann eine Organspende als unzulässig betrachtet werden, wenn der menschliche Körper als ein von Gott anvertrautes Gut (amana) angesehen wird. Die Vertreter dieser Meinung verstehen die Organspende als Verstoß gegen die absolute Unverletzlichkeit der Menschenwürde (karam wa hurma) (für diese Position sind beispielhaft folgende Verse maßgeblich: Sure 17: 70; Sure 2: 29).

Nach einigen Hadithen sind Leichen unantastbar, weshalb auch nach dem Tod kein Schaden zugefügt werden kann und sie wie Lebendige behandelt werden sollten. Dies wird beispielsweise in der folgenden Überlieferung deutlich: Den Knochen eines Toten zu brechen gleicht dem Brechen der Knochen eines Lebenden (Abu Dawud).

Uneinigkeit

Momentan existieren hinsichtlich dieser Thematik zahlreiche Positionen, verschiedene Auffassungen mehrerer Verse und Hadithe, zudem unterschiedliche Regelungen beispielsweise bezüglich einzelner Organe, unterschiedliche Auslegungen unter den Rechtsschulen und Meinungsverschiedenheiten zwischen Sunniten und Schiiten. Darüber hinaus fließen in diese Überlegungen rechtliche Bestimmungen, die sich ebenfalls von Staat zu Staat unterscheiden, grundlegende Überlegungen in der Medizinethik, weiterhin neueste Erkenntnisse in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und die durch die Organspende entstehende Problematik des illegalen Organhandels ein.

Fakt ist: Es handelt sich hierbei um eine höchst komplexe Thematik. Letztendlich herrschen in der islamischen Welt gegenwärtig ausgiebige Diskussionen über die Ansicht einer Unzulässigkeit bzw. die Sichtweise der Erlaubnis und Analyse über Koranverse bzw. diverse Hadithe. Doch eines scheint bisher ungeklärt: Die Frage, ob oder inwieweit ein hirntoter Mensch „wirklich“ tot ist, bleibt nach wie vor unbeantwortet.

Weiterführende Literatur:

Eich, Thomas (Hrsg.) Moderne Medizin und Islamische Ethik. Freiburg: Herder.

Samadzade, Omar. 2011. Hirntod und Organtransplantation aus islamischer Sicht. Nordhausen: T. Bautz.

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