Ist Musik eigentlich im Islam haram (verboten)?“ Fragen wie diese liest man oft in Internetforen. Geradezu befremdlich muss diese Diskussion wirken in einer Alltagskultur, in der Musik allgegenwärtig und ein fester kultureller Bestandteil im Leben vieler Menschen ist.

Musik

Grundlagen

Wirft man einen Blick auf die islamische Tradition, haben muslimische Theologen seit den Anfängen kontrovers über Musik diskutiert und sich mit der Zulässigkeit von Gesang, dem Hören und Spielen von Musikinstrumenten und der positiven oder gefährlichen Wirkung von Musik beschäftigt. Mehrheitlich sind sie sich einig darüber gewesen, dass Gesang und Trommel (daff) erlaubt, während Saiteninstrumente verboten seien. Verbote wurden deshalb ausgesprochen, weil Musik immer eng mit sündhaftem Verhalten wie Alkoholgenuss, Unmoral und Unzucht in Verbindung gebracht wurde.

Muslimen im Minderheitenstatus wird angeraten dieses Detailthema und die strikten Rechtsgutachten mittelalterlicher Theologen dazu nicht zu stark in der Erklärung der Kernbotschaft ihrer Religion zu betonen, um die Menschen nicht noch weiter vom Islam abzuschrecken.   In den Hadithsammlungen steht einiges zum Thema. Allerdings bilden diese für Rechtsgutachten nur eine unzureichend gesicherte Basis, da deren Authentizität und Deutung von Gelehrten unterschiedlich ausfällt. Im Koran steht überraschenderweise nichts zu Musik, obgleich die Formulierung lahwu-l-hadith („leeres Gerede“, Sure 31: 6) traditionell als Singen interpretiert worden ist. Was bedeutet Gottes Schweigen zum menschlichen Phänomen der Musik? Vielleicht bedeutet es, dass wir Menschen in diesem Aspekt sehr verschieden sind und keine allgemeine Regel auf alle anwendbar wäre.

Differenzierung

Al-Ghazali widmet in seinem Werk ,,Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften“ im 18. Buch auch einen Abschnitt der Musik, in dem er das Thema Singen und Musikhören differenziert mit pro und contra-Argumenten betrachtet und u.a. zwischen unterschiedlichen Musiktypen unterscheidet, ebenso zwischen Menschentypen bezüglich ihrer Reaktion auf Musik. Außerdem betont er, dass Nutzen und Schaden von Gesang und Musikhören von der spirituellen Stufe des Einzelnen abhängen. Alles in allem finden sich bei al-Ghazali keine Pauschalurteile, sondern nur Urteile, die von den Situationen, den Bedingungen und Auswirkungen abhängen.
Der moderne ägyptische Gelehrte Yusuf al-Qaradawi vertritt ebenfalls eine klar ablehnende Haltung gegenüber eindeutigen Musikverboten, da er das Rechtsprinzip betont, dass alles grundsätzlich erlaubt (halal) sei, außer was mit Gewissheit in den Textquellen als verboten bezeichnet worden sei.
Auch der moderne Denker Tariq Ramadan fordert eine Reformierung des Umgangs mit Musik und Unterhaltung und warnt gleichzeitig davor Popkultur einfach nur zu ,,islamisieren“ und zweitens sich künstlerisch durch die Angst, Normen zu überschreiten, auf ein rein muslimisches Publikum zu beschränken.

Musik und Muslime 

Musik hat historisch eine große Rolle im Leben vieler Muslime gespielt. Man denke an die musiktheoretischen Werke des Philosophen Al-Farabi aus dem 11. Jahrhundert oder an die altorientalische Musiktherapie, der Bedeutung von Klang im Sufismus oder an die vergessene Tatsache, dass die europäische Musikkultur samt Klavier, Violin- und Gambeninstrumenten und der Gitarre ohne ihre islamisch-arabisch-türkischen Vorgänger kaum vorstellbar wäre. Zudem finden sich in der heutigen Zeit auch Phänomene wie Pop-Islam. Zusammenfassend kann man sagen, dass Musik in der breiten islamischen Tradition weder komplett befürwortet, noch komplett verboten worden ist. Wenn die Frage eindeutig zu beantworten wäre, dann wäre sie nicht seit Jahrhunderten Diskussionsthema unter Theologen gewesen, bis heute.

Weiterführende Literatur:

Güvenc, Oruc und Andrea Azize Güvenc. 2014. Heilende Musik aus dem Orient. Vom traditionellen Wissen der Schamanen und Sufis zur praktischen Anwendung altorientalischer Musiktherapie. München: Irisiana.

Frembogen, Jürgen Wasim. 2010. Nachtmusik im Land der Sufis. Frauenfeld: Waldgut Verlag.

Engel, Hans. 1987. Die Stellung des Musikers im arabisch-islamischen Raum. Bonn-Kessenich: Orpheus.

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