Muhammad und Jesus werden oft als „Religionsgründer“ bezeichnet. Die Nachfolger von Jesus Christus werden „Christen“ genannt, Muslime wurden in der Vergangenheit oft „Mohammedaner“ genannt. Diese Begrifflichkeiten lassen vermuten, dass Jesus und Muhammad ähnliche Rollen für die Glaubensgemeinschaft spielen und theologisch ähnliche Positionen innehaben. Diese Gleichstellung ist jedoch wenig hilfreich, da beide Persönlichkeiten mit jeweils unterschiedlichen Offenbarungsverständnissen in Verbindung gebracht werden.

Muhammad und Jesus

Lebensläufe 

Die historischen Persönlichkeiten Muhammad und Jesus sind aus der Geschichtswissenschaft bekannt. Muhammad wurde um das Jahr 570 n.Chr. in Mekka geboren. Sein Vater starb noch vor seiner Geburt und seine Mutter kurze Zeit später, weshalb er bei seinem Onkel aufwuchs. Jesus wurde um das Jahr 0 in Bethlehem geboren. Sein Vater war Schreiner. Seine Kindheit verbrachte er bei seinen Eltern in Nazareth und wuchs als Jude auf.

Muhammad war früh im Karawanenhandel tätig, arbeitete für eine wohlhabende Witwe, Khadidscha, die er später auch heiratete. Jesus lernte vermutlich das Handwerk seines Vaters, zog aber bald als Wanderprediger aus und heiratete vermutlich nie.
Mit etwa vierzig Jahren erhielt Muhammad seine erste Offenbarung von Gott durch den Engel Gabriel. Die Offenbarungen hielten über einen Zeitraum von dreiundzwanzig Jahren an und sie alle zusammen bilden den Koran. Jesus begann zu predigen und trat mit etwa dreißig Jahren mit seiner Botschaft an die Öffentlichkeit.

Muhammads Botschaft stieß auf großen Widerstand unter den Mekkanern, so dass er im Jahre 622 n.Chr. nach Medina auszog. Auch Jesu Botschaft wurde von seiner jüdischen und heidnisch-römischen Umgebung abgelehnt.
Muhammad etablierte nach seiner Auswanderung nach Medina die erste muslimische Gemeinde, die stetig wuchs und zunehmend strukturiert war. Jesu Begleiter blieben für lange Zeit eine unstrukturierte, lose Bewegung.
Muhammad starb 632 n.Chr. eines natürlichen Todes. Jesus wurde als Konsequenz seiner Widerstand-hervorrufenden Botschaft etwa 33 n.Chr. von der römischen Besatzungsmacht gekreuzigt.

Mensch, Gott, Prophet 

Die Botschaften von Jesus und Muhammad ähneln sich in vielerlei Hinsicht. Beide Botschaften waren radikal und forderten von den sie umgebenden Menschen ein Umdenken und eine Umkehr. Sie mahnten eine „Rückkehr zu Gott“ an, nachdem sich die Mehrheit der Menschen zunehmend abgewandt oder Gott noch gar nicht erkannt hatten. Beide fühlten sich als von Gott gesandt, diese Botschaft zu überbringen.

Dennoch unterscheidet sich das Offenbarungsverständnis im Islam und im Christentum. Aus islamischer Sicht hat Muhammad Gottes Offenbarung, die ihm eingegeben wurde, verkündet. Sie wurde im Koran als „Gottes unveränderbares Wort“ festgehalten und weitertradiert.

Aus christlicher Sicht hingegen ist Jesus selbst, in seinem Leben, seinem Wirken und seinen Worten, die unüberbietbare Offenbarung Gottes. Die Bibel ist demnach als Menschenwerk anerkannt, als „Gotteswort in Menschenwort“. Aus diesen Vorstellungen lässt sich schließen, dass weder Jesus mit Muhammad, noch die Bibel mit dem Koran direkt verglichen werden können.

Aus islamischer Sicht wird Jesus der Status des Gottesgesandten zuerkannt. Auch die Jungfräulichkeit seiner Mutter Maria, die seinen besonderen Status ausdrücken soll, wird im Koran erwähnt (Sure 3: 47). Der Koran berichtet weiter, dass Jesus schon als Baby in der Wiege gesagt haben soll: „Ich bin der Diener Gottes. Er hat mir die Schrift gegeben und mich zu einem Propheten gemacht. Und er hat gemacht, dass mir, wo immer ich bin, (die Gabe des) Segen(s) verliehen ist, und mir das Gebet (zu verrichten) und die Almosensteuer (zu geben) anbefohlen, solange ich lebe“ (Sure 19: 30-31). Viele der Wunder Jesu werden in Koran und Bibel ähnlich beschrieben.

Differenzen

Wo die Sichtweisen auseinandergehen, ist beim Tod Jesu. Während für Christen Jesu Kreuzestod und seine Auferweckung das Zentrum ihres Glaubens bildet, wird er vom Koran abgelehnt.

Hier wird der Tod Jesu folgendermaßen erklärt: „Aber sie haben ihn (in Wirklichkeit) nicht getötet und (auch) nicht gekreuzigt. Vielmehr erschien ihnen (ein anderer) ähnlich (so dass sie ihn mit Jesus verwechselten und töteten). Und diejenigen, die über ihn uneins sind, sind im Zweifel über ihn. Sie haben kein Wissen über ihn, gehen vielmehr Vermutungen nach. Und sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet." (Sure 4: 157). Interpretiert werden kann dies damit, dass ein anderer als Jesus getötet wurde, dass Jesus nur scheinbar getötet wurde oder dass die Leute sich getäuscht haben. Der nachfolgende Vers „Gott hat ihn zu sich (in den Himmel) erhoben“ ist trotz scheinbarer Ähnlichkeit mit der biblischen Darstellung der Auferweckung ohne den vorhergegangenen Kreuzestod nicht mit dem christlichen Verständnis gleichzusetzen.

Auch im Selbstverständnis unterscheiden sich Jesus und Muhammad. Während sich Muhammad immer nur als Mensch und Prophet, niemals aber als „Sohn Gottes“ bezeichnete, sprach Jesus von sich selbst als Mensch und als „Sohn des Vaters“.
Muhammad spielt in den christlichen Quellentexten natürlich keine Rolle. Die Sichtweisen über ihn sind erst im späteren Schrifttum entstanden, oft beeinflusst von herrschenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Aus christlicher Sicht kann nach Jesus kein weiterer Prophet erscheinen.

Weiterführende Literatur:

Gabriel, Mark. 2006. Jesus und Muhammad. Erstaunliche Unterschiede und überraschende Ähnlichkeiten. Gräfelfing: Resch.

Klausnitzer, Wolfgang. 2007. Jesus und Muhammad. Ihr Leben, ihre Botschaft. Eine Gegenüberstellung. Freiburg: Herder.

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