Komplimente zu machen gehört in vielen Kulturen zum guten Ton. Höflichkeit, Komplimente, und gutes Benehmen werden oft als Zeugnis einer besonders guten Erziehung und der Kultur schlechthin angesehen. In der deutschen Kultur spricht man vom „guten Ton“, im englischen von „good manners“ und in der arabischen Kultur spielen die sogenannten „mudschamalaat“ (verbale Nettigkeiten oder Komplimente) eine große Rolle im Alltag. Alltägliche Rede wird „verschönert“ und wer diese Kunst besonders gut beherrscht, von denen wird gesagt, dass sie eine „süße Zunge“ (al-lisan al-hilu) hätten. „Kulturiert“ zu sein (mu’addab) ist eine der höchsten Auszeichnungen in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Komplimente und Umgang mit Komplimenten

Gutes Benehmen im Islam

Auch im islamischen Kontext wird gutes Benehmen (adab) großgeschrieben. Gutes Benehmen, Respekt und Dankbarkeit sollen Gott selbst, dem Koran, dem Propheten Muhammad, sich selbst und anderen Mitmenschen gegenüber gezeigt werden. In einem Hadith von Abu Huraira wird beispielsweise berichtet, dass der Prophet Muhammad sagte: „Wer an Gott glaubt und an das Jüngste Gericht, soll seinem Nachbarn nicht schaden; und wer an Gott glaubt und an das Jüngste Gericht, soll seinen Gast großzügig behandeln; und wer an Gott glaubt und an das Jüngste Gericht, soll Gutes sprechen oder schweigen!“ (Überliefert von Buchari und Muslim).

Zu solch einem guten Benehmen kann man sicherlich auch Komplimente zählen. Tatsächlich ist es vom Propheten Muhammad überliefert, dass er sehr gerne Komplimente machte. Vom Cousin des Propheten, Ali, wird berichtet: „Eines Tages ging Djafer, Zeyd und ich zum Propheten, da sagte er zu Zeyd: ‚Du bist mein Bruder, mein Freund und ein guter Kamerad.‘ Zeyd war vor Freude ganz aus dem Häuschen und ging beschwingt von dannen. Zu meinem Bruder Djafer sagt der Prophet:
‚Du ähnelst mir nicht nur äußerlich, sondern auch dem Wesen nach.‘ Auch Djafer war darüber hoch erfreut und ging, es allen anderen weiterzusagen. Dann wandte der Prophet sich mir zu und sagte: ‚Du bist ein Teil von mir, und ich ein Teil von Dir.‘ Auch ich was überaus erfreut und ging glücklich von dannen.“

Offensichtlich war es für den Propheten selbstverständlich, anderen seine Wertschätzung zu zeigen. In vielen Überlieferungen wird deutlich, dass er zwar auch mit seiner Kritik nicht hinter den Berg hielt, jedoch auch großzügig Lob aussprach, wo er es für angemessen hielt. Durch die Komplimente gewann er die Herzen der Menschen und zeigte ihnen, wie wichtig ihm jeder einzelne von ihnen waren. Er bewunderte nicht nur religiösen Eifer, sondern auch die weltliche Tüchtigkeit, Eifrigkeit und Intelligenz seiner Gefährten.

Schönheit und Blicke

Es ist mehrfach überliefert, dass der Prophet Muhammad Schönheit zu schätzen wusste. So soll er beispielsweise gesagt haben: "Wahrlich, Gott ist schön und liebt die Schönheit." (nach Muslim) Oder auch: "Gewiss, es freut Gott, die Spuren Seiner Gnade an Seinem Diener zu sehen." (nach Tirmidhi). Doch obwohl Gott demnach das Schöne liebt, ist er sich auch der damit verbundenen Gefahren bewusst, wenn er im Koran Männer und Frauen ermahnt „ihre Blicke“ zu senken (Sure 24: 30-31), d.h. andere nicht aus Bewunderung der Schönheit anzustarren (und damit sexuelle Emotionen zu wecken).

Die Anweisung, die Blicke zu senken, hat auch kulturelle Parallelen, die mit dem sogenannten „bösen Blick“, (arabisch nazar), verbunden sind. Mit dem „bösen Blick“ wird ausgedrückt, dass Augen nicht nur Objekte wahrnehmen, sondern auch kommunizieren und Gefühle ausdrücken können, ohne Worte zu benutzen. So können Blicke Interesse, Bewunderung oder Zuneigung bekunden, wenn sie eine schöne Person erfassen. Dies kann in explizite Komplimente münden. Nach dem obigen Koranvers sollte dann allerdings der Blick wieder gesenkt werden.
Beim Anblick des Schönen können Augen jedoch auch Neid und Eifersucht ausdrücken. Diese negativen Gefühle sind, wenn sie ausgelebt werden, den zwischenmenschlichen Beziehungen schädlich. In Sure 68: 51 wird dieser Zusammenhang angesprochen: Diejenigen, die ungläubig sind, würden dich, wenn sie die Mahnung hören, mit ihren (bösen) Blicken am liebsten zum Straucheln bringen […]“.

Dieser „böse Blick“ sollte also verhindert werden. Wenn jemand nun Komplimente erhält, bzw. durch Hervorheben eigener Leistungen Komplimente „erhaschen“ will, dann besteht die Gefahr, dass er oder sie „böse Blicke“ auf sich zieht. Im muslimischen und arabischen Kontext kann dies verhindert werden, indem man beim oder nach dem Aussprechen von Komplimenten bestimmte Formeln anhängt, wie beispielsweise ma scha‘ Allah (was Gott will) oder bi ism Allah (im Namen Gottes), oder durch das Zitieren von Sure 113 des Koran: „Sag: Ich suche beim Herrn der Morgendämmerung Zuflucht vor dem Unheil (das) von dem (ausgehen mag), was er (auf der Welt) geschaffen hat, von hereinbrechender Finsternis von (bösen) Weibern, die Zauberknoten bespucken und von einem, der neidisch ist“. Dadurch wird alles Schöne und Gute, was in den Komplimenten Erwähnung fand und zu falschem Stolz führen könnte, Gott zugeschrieben, und somit der „böse Blick“ abgewandt.

Weiterführende Literatur:

Reichenbach, Anke. 2001. Mit süßer Zunge. Höflichkeit und Nachbarschaft im Damaszener Christenviertel Bab Tuma. Leipzig: Escher.

Hauschild, Thomas. 1982. Der böse Blick. Berlin: Mensch und Leben.

Paksu, Mehmed. 2012. Muhammed das Vorbild. Istanbul: Nesil

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