Öfters wird in den Medien darüber berichtet, wie ein Imam einer Politikerin oder ein Vater der Lehrerin seines Kindes bei der Begrüßung nicht die Hand gereicht hat. Die Verweigerung des Handschlags wird mehrheitlich von der Gesellschaft kritisch beäugt und stößt auf Nichtakzeptanz. In Deutschland ist das Reichen der Hand bei der Begrüßung ein Akt der Höflichkeit und des Respekts. Diese Gepflogenheit hat sich im Westen etabliert und gehört zu den guten Manieren. Kommt es zu der Situation, in dem ein muslimischer Mann einer Frau nicht die Hand reicht, wird es als Herabwürdigung der Frau und Nichtakzeptanz der deutschen Werte hinsichtlich der Gleichberechtigung der Frau interpretiert. Es stellt sich die Frage, warum viele Muslime mit dem Handschlag keine Probleme haben und wiederum manche diesen verweigern.

Hand geben

Islamischer Kontext

In manchen muslimischen Gebieten ist es nicht üblich, dass Männer und Frauen sich gegenseitig die Hand reichen. Daher gehen die Meinungen unter den Muslimen hier auseinander. Die Mehrheit unter den Muslimen sieht in dieser Geste nichts Verwerfliches oder etwas, das konträr zum islamischen Glauben stehen würde. Auch, wenn dies in der eigenen Tradition nicht bekannt ist, reflektieren viele Muslime gewisse gesellschaftliche Umgangsformen im Kontext der westlichen Kultur. In Anbetracht dessen, da ein Handschlag weder erotische Gefühle hervorbringt, noch mit verwerflichen Hintergedanken zusammenhängt, sondern lediglich unabhängig des Geschlechts als Höflichkeit vollzogen wird.

Die andere Seite wiederum tabuisiert jeglichen physischen Kontakt zum anderen Geschlecht. Diese Form der Berührung wird nur im Rahmen der Ehe für erlaubt erklärt. Es fließen traditionelle und religiöse Begründungen ein. Manche Muslime wachsen in dem Glauben auf, dass das „Nichtberühren“ eine Form des Respekts gegenüber der Frau sei. Daher ist es auch nicht ganz korrekt, pauschal alle muslimischen Männer, die den Handschlag verweigern, als frauenverachtend zu deklarieren. Denjenigen, die es traditionell begründen, fehlt vielleicht der Mut, ihre eigenen Traditionen zu hinterfragen, ort- und zeitgebunden zu reflektieren.

Die religiöse Perspektive auf diese Thematik im Hinblick auf das Leben des Propheten Muhammad zeigt, dass er keiner fremden Frau die Hand gereicht hat. Beispielsweise beim Leisten des Treueids der Gefährten gegenüber den Propheten (Bai’a in ‘Aqabah), besiedelte er die Treue mit den Männern per Handschlag, aber bei den Frauen nicht. Auch wird mit der Koranstelle argumentiert, die besagt, sich von Unzucht fernzuhalten (vergleiche Sure 17, Vers 32). Das Verweigern des Handschlags wird als Schutz vor Unzucht oder Ehebruch interpretiert.

Resümee

Resümierend aus dem islamischen Kontext heraus, entstehen neue Fragestellungen. Hat der Prophet Muhammad den Frauen die Hand möglicherweise nicht aus theologischen, sondern aus kulturellen Gründen nicht gegeben, da dies zu dieser Zeit nicht üblich war? Hatte der Handschlag zu den Lebzeiten des Propheten Muhammad dieselbe Bedeutung wie heute? Geben sich heutzutage Menschen in dieser Gesellschaft aus sexuellen Neigungen die Hand bei der Begrüßung?

Abgesehen davon, stellt das Abwenden kollektiven Schadens durch Inkaufnahme individuellen Schadens (vergleiche in Usul ul-fiqh) eine erstrebenswerte Norm in der Lebenspraxis der Muslime dar. Transferiert man diese Usul-Norm auf das Handschütteln, stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoller ist, den individuellen Schaden (wenn überhaupt das Berühren der Hand des anderen Geschlechts für einen kurzen Moment einen Schaden hinterlässt) vorzuziehen ist, statt eine Welle der Empörung in den Medien kollektiv über die Muslime in negativen Schlagzeilen zu riskieren.

Weiterführende Literatur:

Atassi, Mohammed. 2012. Islamische Etikette und orientalische Höflichkeit. Mössingen: Bukhara Versand.

Hecht-El Minshawi, Beatrice und Krisztina Kehl-Bodrogi. 2004. Muslime in Beruf und Alltag verstehen. Business zwischen Orient und Okzident. Weinheim: Beltz.

Heine, Peter. 2009. Kulturknigge für Nichtmuslime. Ein Ratgeber für den Alltag. Eggolsheim: Dörfler Verlag.

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