Obwohl die Monogamie, oder Einehe, die heute am weitesten verbreitete Form der Ehe in der muslimischen Welt darstellt, besteht im Islam die Möglichkeit, Ehen in anderen Formen einzugehen. Die Rechtmäßigkeit anderer Formen als der Einehe ist unter muslimischen Gelehrten umstritten.

Eheformen im Islam

Mehrehe – Polygamie

Die Mehrehe, oder Polygamie, wird in Polygynie (das gleichzeitige Verheiratetsein mit mehreren Frauen) und Polyandrie (das gleichzeitige Verheiratetsein mit mehreren Männern) unterteilt. Im islamischen Zusammenhang wird lediglich die Polygynie diskutiert. Ihre Legalisierung hat historische Hintergünde.

Während der Phase der Offenbarung des Koran wurden viele kriegerische Auseinandersetzungen auf der arabischen Halbinsel geführt, wodurch viele Männer ums Leben kamen, Frauen verwitweten und Kinder verwaisten. Witwen und Waisen waren in der damaligen arabischen Gesellschaft zumeist schutzlos. Oft nahmen sich Männer der Witwen und Waisen an und gewährten ihnen Versorgung und Schutz. Diese Situation wurde jedoch offenbar auch von vielen Männern ausgenutzt, um sich an dem Vermögen der Witwen zu bereichern oder sie gegen Geld oder Waren zwangsverheirateten.

Um den betroffenen Frauen Schutz zu gewähren und dieses Unrecht zu beseitigen wurde Sure 4:3 aus dem Koran offenbart: „Und wenn ihr fürchtet, in Sachen der (eurer Obhut anvertrauten weiblichen) Waisen nicht recht zu tun, dann heiratet, was euch an Frauen gut ansteht, (ein jeder) zwei, drei oder vier. Und wenn ihr fürchtet, (so viele) nicht gerecht zu behandeln, dann (nur) eine, oder was ihr (an Sklavinnen) besitzt! So könnt ihr am ehesten vermeiden, unrecht zu tun.“.

Bedingungen für Polygynie

Oft wird dieser Vers als Lizenz für eine Ehe mit vier Frauen gesehen. Viele Muslime und Musliminnen gehen auch heute davon aus, dass Polygynie islamisch legitimiert und anzuerkennen sei. Es gibt beispielsweise Webseiten, auf denen sich Musliminnen als zweite (dritte, vierte) Frau anbieten (z.B. SecondWife.com). Liest man den obigen Vers jedoch in dem historischen Kontext, in dem er offenbart wurde, so bezieht er sich zunächst ausschließlich auf die Ehe mit Kriegswitwen und kann somit nicht als eine allgemeingültige Erlaubnis für die Ehe mit vier Frauen verstanden werden.

Zudem stellt der Vers noch eine weitere Bedingung für die Mehrehe auf, nämlich die Gleichbehandlung aller Ehefrauen durch den Ehemann. Der Mann muss gegenüber allen vier Frauen gerecht handeln, ohne eine davon zu bevorzugen. So sollte beispielsweise der Mann mit allen Frauen gleich viel Zeit verbringen und finanziell für alle sorgen. Im Koran selbst wird an anderer Stelle auf die Unmöglichkeit dieser Bedingung hingewiesen: „Und ihr werdet die Frauen (die ihr zu gleicher Zeit als Ehefrauen habt) nicht (wirklich) gerecht behandeln können, ihr mögt noch so sehr darauf aus sein“ (Sure 4:129).

Aufgrund solcher Bedingungen halten viele muslimische Gelehrte Polygynie, wenn überhaupt zulässig, für nahezu unmöglich. Daraus lässt sich wiederum der Schluss ziehen, dass im Islam die Einehe bzw. Monogamie, die empfohlene Eheform ist.

Zeitehe

Eine weitere Eheform, die unter Muslimen Gebrauch findet, ist die sogenannte Zeitehe, auch „Genussehe“ genannt. Diese Form der Ehe ist nur bei schiitischen Muslimen erlaubt, sunnitischen Muslimen ist sie untersagt. Eine solche Ehe ist von vornherein nur für eine bestimmte Zeit gültig. Die Dauer der Ehe wird in einem Vertrag festgehalten. Die Zeitspanne kann sich dabei von einer Stunde bis zu mehreren Jahren erstrecken.

Im Mittelpunkt dieser Ehe steht die Sexualität. Da Sexualität im muslimischen Recht nur innerhalb einer Eheverbindung ausgelebt werden kann, bietet die Institution der Zeitehe einen legalen Rahmen für kurzzeitige sexuelle Beziehungen, die sonst als Sünde eingestuft werden würden. Durch eine solche Eheschließung vermeiden es die Partner, sich durch befristete sexuelle Beziehungen zu versündigen.

Diese Form der Ehe wird der gerechtfertigten Kritik ausgesetzt, dass sie eine Art von Prostitution sei beziehungsweise Prostitution legalisiere.

Weiterführende Literatur:

Bilgin, Beyza. 2013. „Die Stellung der Frau im Islam“, in: Wunn, Ina und Mualla Selcuk (Hrsg.): Islam, Frauen und Europa. Islamischer Feminismus und Gender Jihad – neue Wege für Musliminnen in Europa? Stuttgart: Kohlhammer, S. 131-146.

Kaddor, Lamya und Rabeya Müller. 2012. Der Islam für Kinder und Erwachsene. München: C.H.Beck.

Wehry, Alexandra .2007. „Interreligiöses Lernen. Die Rolle der Frau im Islam“, in: Spiegel, Egon (Hrsg.). Workshop Religionspädagogik Band 3. Berlin: Lit Verlag.

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