Männer und Frauen sind unterschiedlich. Diese Ansicht ist weit verbreitet, sowohl in muslimischen als auch in nichtmuslimischen Gesellschaften. Aus dieser Feststellung von körperlichen Unterschieden wird häufig der Schluss gezogen, dass Männer und Frauen (und Jungen und Mädchen) auch mit jeweils anderen Fähigkeiten und Potentialen geboren werden und demnach in ihren gesellschaftlichen Rollen ungleich sein müssen. Hieraus folgt dann eine Ungleichbehandlung von Männern und Frauen, von Jungen und Mädchen im Alltag. Dies ist auch in muslimischen Familien und Gesellschaften ein sehr häufig diskutiertes Thema. Die Religion wird oft zur Verteidigung bestimmter Positionen herangezogen.

Die Ungleichbehandlung von Mann und Frau

Männliche und weibliche Gläubige

Der Koran betont an vielen Stellen die Gleichheit von Mann und Frau. Schon die Schöpfungsgeschichte legt nahe, dass Frauen und Männer ebenbürtig erschaffen wurden. Mann und Frau wurden aus einem einzigen Wesen erschaffen, eine Reihenfolge wird nicht deutlich: „Ihr Menschen! Fürchtet euren Herrn, der euch aus einem einzigen Wesen geschaffen hat, und aus ihm das ihm entsprechende andere Wesen, und der aus ihnen beiden viele Männer und Frauen hat (hervorgehen und) sich (über die Erde) ausbreiten lassen! […]“ (Sure 4:1). In dieser Version der Schöpfungsgeschichte wird keine Rangfolge festgelegt, Männer und Frauen sind gleichwertig.

Nach dem islamischen Glauben gibt es auch keine Unterschiede bezüglich der religiösen Pflichten. Vor Gott sind beide Geschlechter gleich. Sie müssen den gleichen religiösen Pflichten nachgehen, wie etwa das Beten, Fasten, Spenden oder die Pilgerfahrt (z.B. Sure 4:136, 9:71, 33:35). Angesprochen werden hier immer die „gläubigen Männer und gläubigen Frauen“ auf derselben Ebene. Zugleich werden die alle Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, entsprechend ihres Glaubens und ihrer guten Taten beim Jüngsten Gericht belohnt und bestraft: „Und wenn einer tut, was recht ist, (gleichviel ob) männlich oder weiblich, und dabei gläubig ist, werden wir ihn (dereinst) bestimmt zu einem guten Leben wiedererwecken […]“ (Sure 16:97).

Auch als Ehepartner stellt der Koran Männer und Frauen gleich auf: „Sie sind für euch, und ihr für sie (wie) eine Bekleidung“ (Sure 2: 187). „Bekleidung“ wird hier auch häufig übersetzt als: „sie sind Geborgenheit für euch und ihr seid Geborgenheit für sie“ oder „Ihr seid ihre nahen Gefährten, und sie sind eure nahen Gefährtinnen“. Wie auch immer die Übersetzung, Ehepartner haben hiernach für den jeweils anderen dieselbe Funktion inne.

Die Ebenbürtigkeit von Männern und Frauen erstreckt sich auf Bildung, Gottesdienst, wohltätige Handlungen, Äußerung der eigenen Meinung, Teilnahme am Dschihad, Wahl des Ehepartners, Erziehungsrecht der Kinder und Recht auf Eigentum.

Ungleichheit im Recht

Aus verschiedenen Versen wird jedoch häufig abgeleitet, dass Gott Männer und Frauen für unterschiedliche Positionen geschaffen hat. Ein viel zitierter Vers beispielsweise sagt: „Die Männer stehen den Frauen in Verantwortung vor, weil Gott sie (von Natur vor diesen) ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen (als Mitgift für die Frauen) gemacht haben. […] Und wenn ihr fürchtet, dass (irgendwelche) Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie euch (daraufhin wieder) gehorchen, dann unternehmt (weiter) nichts gegen sie! Gott ist erhaben und groß“ (Sure 4: 34). Ein weiterer oft zitierter Vers mahnt: „Und die Männer stehen (bei alledem) eine Stufe über ihnen“ (Sure 2: 228). Obwohl die Interpretation dieser Verse äußerst umstritten ist, werden sie oft herangezogen, um eine Hierarchie zwischen Männern und Frauen abzuleiten.

Aus einer solchen Hierarchie und in Kombination mit der Feststellung körperlicher Unterschiede, werden dann verschiedene Verantwortlichkeiten, Rechte, Pflichte und Rollen von Männern und Frauen abgeleitet. Diese Ungleichheit erstreckt sich auf die Bereiche der Kleidung, Polygamie, Zeugenaussagen, Erbschaft, Blutgeld, Scheidung, und das Bekleiden von Machtpositionen.

Prophetisches Vorbild

Die hier angedeuteten Ungleichheiten sagen jedoch wenig über die alltägliche Rollenverteilung von Mann und Frau aus. Der Prophet Muhammad selbst hat oft betont, wie wichtig Frauen sind und wieviel Respekt sie verdienen, vor allem in ihrer Rolle als Mütter. Seine erste Frau Khadidscha war eine erfolgreiche und angesehene Kauffrau, deren Einkommen weit höher war als das ihres Mannes. Die heute oft angemahnte Beschränkung der Interessen muslimischer Frauen auf die Verwaltung der häuslichen Angelegenheiten ist sowohl historisch als auch kulturell nicht haltbar.

Der Prophet Muhammad selbst hat einigen Überlieferungen zufolge mit vielen Aspekten dieser stereotypischen Rollenverteilung gebrochen. Er hat eine reichere, angesehenere und ältere Frau geheiratet. Er hat im Haushalt geholfen und sich liebevoll um seine Kinder gekümmert. Er ehrte die Frauen in seinem Haushalt. Er ließ Frauen an Freitagspredigten sowie Festgebeten teilnehmen. Vieles spricht dafür, dass die Unterschiede, die in islamischen Quellen zwischen Mann und Frau gemacht werden, ein Produkt ihrer Zeit waren und nur bedingt auf das 21. Jahrhundert angewendet werden können.

Weiterführende Literatur:

Wunn, Ina und Mualla Selcuk (Hrsg.). 2013. Islam, Frauen und Europa. Islamischer Feminismus und Gender Jihad – neue Wege für Musliminnen in Europa? Stuttgart: Kohlhammer.

Walther, Wiebke. 1997. Die Frau im Islam. Leipzig: Edition Leipzig.

Schneider, Irene. 2011. Der Islam und die Frauen. München: C.H.Beck.

Vauti, Angelika und Margot Sulzbacher (Hrsg.). 1999. Frauen in islamischen Welten. Eine Debatte zur Rolle der Frau in Gesellschaft, Politik und Religion. Frankfurt/M.: Brandes & Apsel.

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