Die Scharia ist Gottes Gesetz und bildet als solches einen integralen Bestandteil der islamischen Tradition. Die Scharia hat eine wechselhafte Geschichte erlebt. Nach ihrer Ausarbeitung und Ausweitung und unterschiedlich intensiver Anwendung wurde sie vielerorts durch positives Recht westlicher Muster überschrieben. Erst durch die islamischen Reformbewegungen und das islamistische „Wiedererwachen“ zu Ende des 20. Jahrhunderts wurde Scharia wieder ins Zentrum der Diskussionen gerückt. Dies brachte auch einen Bedeutungswandel in der öffentlichen Wahrnehmung von „Gottes Gesetz“ hin zu „grausamer Strafgerichtbarkeit“ mit sich.

Die Scharia

Herkunft

Die Wurzel des arabischen Begriffes „Schari‘a“ entstammt vermutlich einem pastoralen, nomadischen Umfeld und bezieht sich auf das Führen von Herdentieren zu einer Wasserquelle. Ähnlich der hebräischen Verwendungsweise kann es sich auch auf einen längeren Weg oder Pfad beziehen. Daraus hat sich dann die religiöse Bedeutung von „dem Weg, der zu beschreiten ist“ oder der „Pfad Gottes“ entwickelt. Arabisch-sprachige Juden haben den Begriff zur Übersetzung der Torah verwendet. In der arabischen Übersetzung des Neuen Testaments wird der Begriff „Schariat-Allah“ für das griechische „Gottes Gesetz“ benutzt.

Im Koran wird der Begriff Scharia als solches nur einmal erwähnt. Nachdem der Abfall der Israeliten vom Glauben erwähnt wird, lesen wir in Sure 45: 18; „Alsdann brachten Wir dich auf einen klaren Weg in der Sache (des Glaubens) (‘alaa schari`atin mina l-amri)“. In anderen Versen wird dieselbe Wortwurzel in unterschiedlichen Formen, z.B. als Verb verwandt.
Im gegenwärtigen arabischen Sprachgebrauch wird „Schari’a“ oft als Synonym für „Religion“ verwendet. So spricht man von „Schari’atuna“ als „unserer Religion“ oder von der Fakultät der „Schari’a“ als der „theologischen Fakultät“ an Universitäten.

Islamisches Recht

Scharia ist demnach ein sehr weit gefasster Begriff. Im islamischen Kontext beschreibt er die Gesamtheit der Gesetze und Regelungen, die in einer islamischen Gesellschaft zu beachten sind, in diesem Sinne „islamisches Recht“. Einige Bereiche davon sind mit der europäischen Vorstellung von „Gesetz“ zu vergleichen, während andere Bereiche sich umfassender als eine „Lebensführung nach Gottes Willen“ verstehen. Die Scharia regelt so sowohl die kultischen und rituellen Aspekte der Gläubigen als auch zwischenmenschliche Beziehungen.

Der Koran, als Gottes Wort, gilt als Grundlage der Scharia. Er enthält jedoch nur wenige Rechtsnormen und einzelne Anweisungen, die oft nicht explizit genug sind, um als Gesetztestexte gelten zu können. Die koranischen Normen bilden demnach lediglich die Grundlage einer allgemeinen, umfassenderen Gesetzgebung. Um mehr Details der koranischen Anweisungen zu erhalten, wurde schon früh die Sunna, die Überlieferungen des Propheten, als zweite Quelle des Rechtes herangezogen. Die Scharia ist also keine fixierte Gesetzessammlung, sondern bezieht sich zunächst auf geltende Prinzipien und Normen, die den beiden Hauptquellen entnommen werden können und die eine islamische Lebensführung ermöglichen sollen.
Die Interpretation und Ausarbeitung der Scharia in konkrete Gesetzeswerke obliegt der islamischen Gesetzes- oder Rechtswissenschaft, dem fiqh. Es entspricht der iuris prudentia (Rechtswissenschaft) und umfasst alle Aspekte des religiösen, bürgerlichen und staatlichen Lebens im Islam. Diese Interpretationstätigkeit hat zu unterschiedlichen Ergebnissen in der Gesetzgebung geführt und in der Herausbildung verschiedener islamischer Rechtsschulen gemündet. Jede dieser Rechtsschulen hat durch verschiedene juristische Methoden religiöse Gesetze herausgearbeitet, die sich zum Teil unterscheiden.
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Scharia gottgegebenes Recht darstellt, offenbart in Koran und Sunna, und dass sie in den Grundzügen und als Werteordnung für alle Zeiten und Orte Gültigkeit beansprucht. Dem gegenüber ist das Rechtssystem Fiqh, das sich aus der Scharia ableitet, als Menschenwerk anerkannt und daher veränderlich.

Scharia heute

Eigentlich ist das islamische Gesetz sehr umfassend. Es beinhaltet Regelungen zu Hygiene und Reinheit, zur Wirtschaftsordnung, zur Ernährung, zu religiösen Pflichten, zu Ehe und Scheidung, zum Strafrecht, zum Militärrecht, zur Kleiderordnung und zum Status von nicht-Muslimen.
In den meisten muslimisch geprägten Ländern bauen die Gesetze jedoch nur teilweise auf der Scharia auf. In einigen wenigen Ländern beruht das gesamte Rechtssystem auf Scharia-Prinzipien, wie beispielsweise in Saudi-Arabien, Pakistan, Sudan oder Mauretanien. In anderen Ländern wird sie nur für manche Bereiche der Rechtsprechung als Grundlage benutzt, v.a. für das Familienrecht, während andere Bereiche, wie das Strafrecht, von europäischen Rechtsvorschriften abgelöst wurden. In manchen Ländern gelten unterschiedliche Rechtssysteme für unterschiedliche religiöse Gruppen. Und schließlich gibt es muslimisch geprägte Länder, die vollständig auf europäischen Rechtssystemen aufgebaut sind, wie beispielsweise die Türkei oder Tunesien.
Durch den Einfluss der islamischen Reformbewegung nahm die Bedeutung der Scharia seit etwa Mitte der 1970er Jahre in vielen muslimisch geprägten Ländern wieder zu. Dies hat auch Auswirkungen auf die in Europa lebenden muslimischen Minderheiten, da auch hier die Bedeutung der Scharia immer öfter thematisiert wird. Theoretisch kann die Scharia in westlichen, nicht mehrheitlich muslimischen Industriestaaten über das jeweilige Internationale Privatrecht des Landes Rechtswirkung entfalten, solange sie mit den rechtlichen Grundvorstellungen des Landes vereinbar sind. In Großbritannien, beispielsweise, wurden religiöse Schiedsgerichte eingerichtet, die auf freiwilliger Basis von den betroffenen Parteien angerufen werden können. Islamisches Recht kann hier zur Anwendung kommen, solange es nicht dem Common Law widerspricht. Auch in Kanada wurden religiöse Schiedsgerichte für Christen, Juden und Muslime in der Provinz Ontario eingerichtet, um häusliche Dispute (wie Scheidungs-, Vormundschafts- und Erbschaftsklagen) zu verhandeln, wenn alle Parteien damit einverstanden waren.

Weiterführende Literatur:

Schirrmacher, Thomas und Christine Schirrmacher. 2007. Die Scharia. Recht und Gesetz im Islam. Holzgerlingen: SCM Hänssler.

Rohe, Mattias. 2011. Das Islamische Recht. Geschichte und Gegenwart. München: C.H.Beck.

Khorchide, Mouhanad. 2013. Scharia – der missverstandene Gott. Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik. Freiburg: Herder.

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