Viele stellen die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie in Frage. Auf muslimischer Seite lehnen manche Gelehrte und Ideologen die Demokratie als Auswuchs „westlicher“ Dominanz, als im Widerspruch zu Gottes Geboten bzw. der Scharia stehend ab. Aufgrund solcher Äußerungen sehen auch viele Nicht-Muslime Demokratie und Islam als unvereinbar an. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die nicht nur keinen Widerspruch erkennen können, sondern auch an der Synthese einer neuen „islamischen“ Demokratie arbeiten.

Demokratie

Muslimische Staatstheorie

Schon zu Lebzeiten des Propheten Muhammad wurden die Grundlagen für eine Theorie eines muslimischen Staates gelegt, da Muhammad beginnend mit seiner Auswanderung nach Medina ein eigenes muslimisches Staatswesen aufbaute. Darauf basierend, und in Übereinstimmung mit koranischen Vorgaben, entwickelte sich in den darauffolgenden Jahrhunderten das klassische muslimische Staatsverständnis.

Das im Koran erwähnte Prinzip des „Gebiete das Gute und verbiete das Böse" wird dabei als Ausgangspunkt für die Schaffung eines islamischen Staatswesens gesehen: "Es sollte aus euch eine Gemeinschaft werden, die zum Guten aufruft und das Rechte gebietet und das Verwerfliche verbietet ..." (Sure 3: 104). Das Gute und das Verwerfliche wird in dieser Lesart in der Scharia, Gottes Gesetz, erläutert. Daher kann ein funktionierendes muslimisches Gemeinwesen nur dasjenige sein, in dem Gottes Gesetz Anwendung findet, ein Gedanke, der bereits im 7. Jahrhundert von Ibn Taimiyah formuliert wurde.

Die Akteure eines solchen muslimischen Staates werden bereits im Koran angedeutet: Gott gilt als oberster und absoluter Souverän, ein Kalif oder Stellvertreter als weltlich religiöser Herrscher, eine Schura oder Versammlung als beratendes Gremium und die Gemeinschaft der Gläubigen.

Grundlage für gesetzliche Regelungen sind der Koran und die Überlieferungen des Propheten. Eine Trennung von Staat und Religion ist nicht vorgesehen. Dementsprechend muss es das Ziel des Staates sein, die von Gott vorgegebenen Regeln in allen Bereichen des Alltags umzusetzen.

Über diese allgemeinen Prinzipien hinaus bieten die islamischen Quellen jedoch wenig Details zur genauen Funktionsweise eines solchen Staates. Es bleibt beispielsweise unklar, wer den Kalifen-Stellvertreter wählen oder ernennen soll oder wie sich das Schura-Gremium zusammensetzt bzw. welche Rechte es hat.

Moderne Ansätze

Die Prinzipien der klassischen Staatstheorie haben ihre Auswirkungen auf muslimisches politisches Denken bis ins 21. Jahrhundert hinein. Beginnend mit den Reformbewegungen in der muslimischen Welt Ende des 19. Jahrhunderts griffen einige muslimische Denker diese Ideen wieder auf, darunter Abu Ala al-Mawdudi, Sayyid Qutb, Muhammad al-Ghazali, Muhammad Amara oder Hasan at-Turabi. Einige versuchen, die klassische Staatstheorie so weiterzuentwickeln, dass sie mit nicht-islamischen Demokratiekonzepten vereinbar ist. Sie betonen die demokratische Wahl sowohl des Staatsführers (Kalif) als auch des beratenden Gremiums (Schura) und beschreiben letzteres als parlamentsähnliche Institution. Dass diese Annäherung nur begrenzt möglich ist, wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass nicht das Volk, sondern Gott souverän ist und dass die Entscheidungsgewalt des Kalifen auch vom Schura-Gremium kaum eingrenzbar ist. Auch der genaue Wahlmodus bleibt in diesen Modellen unterentwickelt bzw. nicht weiter spezifiziert.

Andere Theorien basieren ihr Staatsmodell auf vier Säulen, die je nach sozio-kulturellem Hintergrund variiert und angepasst werden müssen. Diese vier grundlegenden Elemente eines islamischen Staatswesens sind eine Verfassung, der Konsens oder die Zustimmung der Bürger, der Schutz religiöser Freiheiten und Beratungen mit Expertengremien. Die hier postulierte Verfassung hat ihr Vorbild im Vertrag von Medina, in dem die Rechte und Pflichten aller Mitglieder des neu entstandenen Gemeinwesens festgelegt wurden, ähnlich dem Gesellschaftsvertrag in den Theorien von Hobbes, Locke oder Rousseau. Ebenfalls im Vertrag von Medina war die Zustimmung aller „Bürger“, egal welcher religiösen oder sozialen Herkunft, verankert, Muhammad als „Staatsoberhaupt“ agieren zu lassen. Diese Zustimmung fand ihren Ausdruck in einem Treuegelöbnis dem Regenten gegenüber, der sich im Gegenzug dazu verpflichtete, alle, auch religiöse Minderheiten, zu beschützen. Als obligatorisch wird oft auch das Beratungsgremium angesehen, da es bereits im Koran Erwähnung findet: "... und ziehe sie zu Rate in Angelegenheiten der Verwaltung; wenn du aber dich entschieden hast, dann setze dein Vertrauen auf Allah" (Sure 3: 159).

Alles ist möglich

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass die islamischen Quellen unzureichende Details bereitstellen für eine ausgefeilte islamische Staatstheorie. Verfechter von teilweise diametral gegenübergesetzten Modellen finden Hinweise für ihre Theorien im Koran und den Überlieferungen des Propheten Muhammad. Dazu zählen auch demokratische Modelle, die anhand islamischer Quellen als kompatibel mit den Grundlagen des Islam gesehen werden können.

Weiterführende Literatur:

Schirrmacher, Christine. 2013. Islam und Demokratie. Ein Gegensatz? Holzgerlingen: SCM Hänssler.

Cavuldak, Ahmet und Oliver Hidalgo (Hrsg.). 2014. Demokratie und Islam. Theoretische und empirische Studien. Berlin: Springer.

Suleiman, Samir. 2013. Islam, Demokratie und Moderne. Reflexionen muslimischer Denker und Gelehrter. Herzogenrath: Shaker Verlag.

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